Vogelgrippe:
Größte Massentötung von Tieren in Deutschland
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September 2007: Im Bestand der Wichmann Enten GmbH in Wachenroth/Bayern kam „im Rahmen betriebsinterner Kontrollmechanismen“ am 24.08.2007 der Verdacht auf Vogelgrippe in einem Stall mit 44.000 Enten auf – innerhalb kürzester Zeit waren 400 der Tiere verstorben. Der Verdacht auf das Vorhandensein des H5N1 Virus wurde zwei Tage später vom FLI (Friedrich Löffler Institut) bestätigt und der komplette Entenbestand der Wichmann GmbH „im Zuge des Seuchenschutzes“ getötet: 166.000 Tiere, deren Kadaver den Weg in die Verbrennung der Tierkörperbeseitigungsanstalt fanden. Es folgten noch weitere Tötungen von kleineren Geflügelbeständen im 500-Meter-Radius sowie in fünf Kontaktbetrieben, wobei nochmals über 600 Tiere „gekeult“ wurden.
Die größte „Keulung“ von Tieren in der deutschen Geschichte fand in den Medien kaum Beachtung – eine kurze Erwähnung nach dem bestätigten H5N1 – Verdacht „in einem Betrieb bei Erlangen“, die Meldung der anschließenden Tötungen privater Geflügelbestände gelangten nicht einmal mehr in die Nachrichtensendungen. Wir erinnern uns zu gut an die Berichterstattungen nach dem erstmaligen Ausbruch der Vogelgrippe Anfang 2006 auf Rügen. Seitdem wurde jeder tot aufgefundene Wildvogel als Verdachtsfall und potentieller Seuchenverursacher gehandelt, Maßnahmenpläne gegen drohende Pandemien diskutiert, die weltpolitische Berichterstattung unterlag in den Medien jedem toten Schwan – auch wenn dieser letztendlich nicht am H5N1-Virus verstorben war.
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Einen Höhepunkt in Punkto Vogelgrippehysterie-Vermarktung stellte zwischenzeitlich eine im Juli 2007 in Wickersdorf/Thüringen verstorbene „Therapiegans“ eines Behindertenwohnheimes dar, als „dritter Vogelgrippeausbruch in einem Nutzgeflügelbestand“ nach Rügen (Februar 2006) und der Firma Eskildsen Gänszucht in Mutzschen/Sachsen (April 2006, Bild links) – eine tote Gans als medienträchtiger „erster Ausbruch bei Nutzgeflügel“ im Jahr 2007. Woher auch immer diese Gans, die nur ein paar Wochen in Wickersdorf lebte, das Vogelgrippevirus hatte – alle anderen daraufhin im Umkreis des „Seuchenherdes“ getöteten privaten kleinen Geflügelbestände mit etwa 1.200 Tieren waren H5N1-frei. Infizierte Wildvögel flogen keine in der Nähe herum, trotzdem mussten sie als angenommene Verursacher für die Seuche herhalten. Der wahre Infektionsweg konnte nie gefunden werden – wahrscheinlich, weil ihn niemand gesucht hat. |
Die „Wildvogel-Theorie“ musste auch im August 2007 wieder als Infektionsursache herhalten; zwar ergab das im Umkreis der Wichmann GmbH aufgrund früherer Fälle ausgiebig durchgeführte Wildvogelmonitoring keine H5N1-Diagnosen und die Umgebung war durch Vergrämungsmaßnahmen nahezu wildvogelfrei. Dann musste der Verursacher eben das Stroh sein, welches den in ihren mit Hygieneschleusen versehenen Ställen hermetisch von der Außenwelt abgeschirmten Enten als Einstreu diente. Vielleicht hatte ein infizierter Wildvogel beim Überflug in ein Getreidefeld gekotet – und das Virus landete später mit dem Stroh im Stall, so die Theorie der verantwortlichen „Experten“. Ein Nachweis über das Vorhandensein des Virus im Stroh konnte jedoch bislang nicht erbracht werden.
Dahingegen konnte der Beweis erbracht werden, dass nicht nur in einem, sondern gleichzeitig mehreren Ställen der Wichmann GmbH in Wachenroth das Vogelgrippevirus vorhanden war, wie Untersuchungen der getöteten Enten zeigten. Ein „auffälliges“ Sterben der Tiere wurde jedoch offenbar im Vorfeld nicht beobachtet, so dass davon ausgegangen werden muss, dass das Virus schon lange unerkannt in den Ställen und Enten weilte und auch bei Routinekontrollen praktisch unauffindbar ist. Eine Probenuntersuchung mit negativem Befund von einigen Tieren aus einem dieser gigantischen Ställe bringt demnach keine Sicherheit Vogelgrippediagnose als reiner Zufallstreffer. Behördlichen Meldungen zufolge wurden von den 400 an einem Tag gestorbenen Enten lediglich fünf Tiere positiv auf H5N1 getestet.
Wie lange schon das Virus in diesem Mastbetrieb und anderen Ställen vorhanden war – die Frage sollte vor allem vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass die Chance des Verbrauchers, sich beim „Federleichten Fleischgenuss“ eines Entenbratens des im Schlachtbetrieb Bio-zertifizierten Wichmann-Betriebes die Vogelgrippe einzufangen, mit den aktuellen Erkenntnissen enorm gestiegen ist. Zwar hat Wichmann bereits ausgeliefertes Fleisch nach bekannt werden des Vorhandenseins von Vogelgrippeviren im Betrieb aus dem Handel zurückgeordert – doch wie viele Tonnen Entenfleisch des Mastgiganten eventuell mitsamt H5N1-Viren bereits lange vorher beim Endverbraucher und über diesen in der „freien Wildbahn“ landeten, ist unklar.
Bild rechts: Ente im Wichmann-Stall in Hofing (Quelle: R&D). |
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Damit wäre es eigentlich an der Zeit gewesen, endlich die Berichterstattung auf den Höhepunkt zu bringen. Geübt haben die Medien lange genug – nun steht die Pandemie sozusagen nicht mehr nur vor der Haustüre, sondern die Lage ist tatsächlich ernst. Die Wildvogeltheorie dahin, die angebliche Sicherheit des Verbrauchers eine Farce, die Seuchenpolitik des Hundertausendfachen Tötens ethisch inakzeptabel, die Gefahr durch die Massentierhaltungen, Tier- und Warenströme der Großkonzerne offensichtlich. Während man bei der infizierten Therapiegans noch spektakuläre Berichterstattung betreiben konnte ohne sich unbeliebt zu machen – schließlich sollte sie nicht in die Nahrungskette eingehen, noch gehörte sie einem „der ganz großen der Branche“ – kann man sich im August 2007 des Eindruckes nicht erwehren, dass ein offizielles Berichterstattungs- sowie Denkverbot erlassen wurde, um die Kauflust und das Vertrauen des Verbrauchers nicht endgültig zu erschüttern.
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Nur zwei Wochen dauerte es bis zur nächsten „Größten Keulung in der deutschen Geschichte“. Betroffen etwa 205.000 Enten aus den Mastställen einer Wichmann-Tochter im Landkreis Schwandorf/Bayern – den Nachrichtensendern so grade eine knappe Meldung wert. Die beiden Betriebe in Bruck-Hofing (180.000 Enten, Bild rechts) und Nittenau-Trumling (25.000 Enten) lieferten ihre Tiere zur Schlachtung in den Wichmann-Schlachtbetrieb nach Wachenroth. Genau dort waren schon zwei Wochen zuvor zwei im Kühlhaus lagernde Rückstellproben aus Hofing positiv auf das H5N1-Virus getestet worden – eine Tatsache, welche der Öffentlichkeit offenbar möglichst verborgen bleiben sollte. |
Während Wichmann am 07.09.2007 noch in einer Presseerklärung das Vorhandensein von H5N1 in den Ställen in Hofing und Trumling dementiert - lediglich bei einer von 4000 Proben hätte das Vorhandensein von H5N1 „nicht ausgeschlossen“ werden können und somit gäbe es weder einen Vogelgrippeausbruch, noch einen Verdachtstatbestand nach der Geflügelpestschutzverordnung – heißt es von Seiten des Landratsamtes Schwandorf, Antikörpertests hätten eindeutige Hinweise auf den Erreger H5N1 erbracht. Gleichzeitig teilte das bayerische Umweltministerium mit, dass in 19 Proben das auch für den Menschen gefährliche Vogelgrippevirus vom Typ H5N1 gefunden wurde, viele weitere Enten hätten Antikörper gebildet. Die Proben seien entnommen worden, „weil man von Geschäftsbeziehungen zwischen den Betrieben in Trumling und Hofing und dem „Vogelgrippehof“ in Wachenroth gewusst hätte“. Keine Rede vom Fund des Vogelgrippevirus in den aus Hofing stammenden „Rückstellproben“ – also kontaminiertes Entenfleisch - im Wachenrother Kühlhaus im August 2007. Die Tötung und Vernichtung der 205.000 Enten im September 2007 laut Wichmann eine „reine Vorsichtsmaßnahme“ (Quelle: www.enten.de).
Wichmann setzt auch nach dem offiziellen Vogelgrippebefund auf die Dummheit seiner Kunden und veröffentlicht am 11.09.2007 noch eine „alte“ Presseerklärung des Landratsamtes Schwandorf, worin betont wird, dass es sich bei der Keulung in Trumling und Hofing nicht um eine Reaktion auf den Ausbruch der Vogelgrippe handele. Nach wie vor kein Hinweis auf die tatsächlich nachgewiesenen positiven H5N1-Ergebnisse, die bereits seit der Vorwoche feststehen. Offiziell hält man sich noch mehr als bedeckt: eine amtliche Pressemitteilung sucht der Interessierte auf den Seiten von Landkreis, Land und Bund vergebens. Informationssperre nach dem Motto „was der Untertan nicht weiß, macht ihn nicht heiß“?
Die Medien – statt endlich auf die Katastrophe aufzuspringen, die sie immer herbeigeredet haben – berichten recht einträchtig ebenfalls von einem „harmlosen“ Vorfall: klarzustellen sei, dass es sich hier nicht um einen Vogelgrippeausbruch handele (zwar Tiere infiziert, aber keines klinisch erkrankt, wohingegen „Ausbruch“ mit „alle sind tot umgefallen definiert wurde...). Und eine Gefahr für die Menschen, deren Regierung sich zu Anfang des Vogelgrippegeschehens mit Millionen von Impfstoffdosen für die Bevölkerung eindeckte und die Katastrophenpläne für den Ausbruch der Pandemie parat hat, besteht demnach plötzlich auch nicht mehr. „Die Vogelgrippe ist für Menschen nur bedingt gefährlich. Gefahr besteht nur bei sehr engem Kontakt zu den Tieren, zum Beispiel wenn sie mit in der Wohnung leben.“ Also: nicht mit dem Geflügel kuscheln, keine toten Wildvögel anfassen, aber weiterhin beruhigt zum Geflügelfleisch greifen – sind wir wirklich so blöd, dass wir das schlucken? |
Die Wichmann-Anlage in Hofing (Quelle: R&D)
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Minister Seehofer wird auf dieses Vogelgrippegeschehen reagieren, sobald er mit dem jüngsten Gammelfleischskandal um K3-Material im Döner durch ist – als Landwirtschaftsminister, nicht als Verbraucherschutzminister. Wie er zum Verbraucherschutz steht, sollte spätestens klar sein, nachdem unbekannte Mengen H5N1- Geflügelfleisch in den Handel und zum Verbraucher gelangen konnten. Zudem aufgrund der mangelhaften Information der Verbraucher sicherlich noch zahlreich die H5N1-kontaminierten Enten in den Kühltruhen schlummern und so das Virus optimal konserviert wird: perfekte Voraussetzungen für die weiter Verbreitung der Vogelgrippe. Herr Seehofer wird das Problem „lösen“ - als Landwirtschaftsminister: mit einer neuen Geflügelpestschutzverordnung und sinnloser permanenter Stallpflicht für Geflügel, welche Ausnahmeregelungen für auch nur ein einziges Huhn nur mit behördlicher Genehmigung vorsieht (die neue Verordnung hier als PDF - 635kb). Strikte Regelungen und Freibriefe zur Tötung von Vögeln nicht nur beim Nachweis der hochpathogenen H5 und H7 – Vogelgrippevarianten, sondern auch Tötung von Tieren in „Kontaktbetrieben“, bei niedrig pathogenen Virusstämmen und bei „Verdachtsfällen“– die vorsorgliche Impfung und Notimpfung im Seuchenfall hingegen bleibt laut neuem Verordnungsentwurf verboten. Landwirtschaftsschutzminister Seehofer wird weder klären wollen noch erklären mögen, ob und wie Wildvögel massenhaft durch Wichmann-Betriebe und andere „Nutzgeflügelbestände“ infiziert wurden, noch warum der erste Vogelgrippeausbruch in Deutschland ausgerechnet auf Rügen, in unmittelbarer Nähe zum nationalen Referenzlabor für Vogelgrippe, dem FLI, stattfand.
Erst im August 2007 hat England sehr eindrucksvoll demonstriert, wie Seuchen zu den Tieren kommen können: eine undichte Rohrleitung zwischen dem staatlichen Institut für Tiergesundheit und dem Labor des Impfstoffherstellers Merial in Pirbright/Südengland, welche beide mit dem MKS-Virus arbeiten, verursachte einen Ausbruch der Maul- und Klauenseuche. Weil sich die beiden Institute nicht über die Zuständigkeit der nötigen Wartung und Reparatur der maroden Abwasserleitung einigen konnten, entkam durch ein Leck das Virus in den Boden, Regen schwemmte es auf, Fahrzeuge transportierten es weiter. Es folgte als vorläufiges Resultat ein MKS-Ausbruch in zwei Rinderherden in der Grafschaft Surrey, 600 Tiere wurden „gekeult“. Fast zeitgleich mit Beendigung der Handelssperre und Erklärung der MKS-Freiheit im September 2007 hatte England den nächsten MKS-Fall in einer in der Nähe liegenden Rinderhaltung.
Während die Tageschau und andere Medien am 12.09.2007 über den erneuten MKS-Ausbruch in England berichten, stehen in Bayern erneut Massentötungen von Enten in zwei Mastbetrieben in Dietersburg/Landkreis Rottal-Inn und der Gemeinde Simbach/Landkreis Dingolfing-Landau an. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit werden in den beiden Wichmann- „Kontaktbetrieben“ 26.000 und 41.000 Enten getötet. Die Mastanlagen gehören zu 20 „Kontaktbetrieben“, welche aus einer der Wichmann-Brütereien in Niedersachsen (Brütereien ehem. Stolle in Westerscheps und die Gepro-Brüterei in Molbergen-Ermke) ihre Küken bezogen haben und wurden aus diesem Grund behördlich untersucht. Der in den Geflügelbeständen gefundene – aber nicht in der Brüterei in Ermke festgestellte - Virusstamm ist hier jedoch ein ganz anderer als in den zuvor vernichteten Geflügelbeständen: ein niedrig pathogenes H5-Virus veranlasste die Behörden, die „vorsorgliche Keulung“ der 67.000 Enten anzuordnen. |