Vogelgrippe -
Pandemierisiko
oder Panikmache? |
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Oktober 2005: Die seit dem Jahr 2003 in Südostasien grassierende Vogelgrippe sorgt seit einigen Wochen permanent für panikartige Aufregung. Nachdem in Russland und in der Türkei Vogelgrippefälle aufgetreten sind wird nun befürchtet, dass das für die Vogelgrippe verantwortliche Influenza-A-Virus vom Typ H5N1 auch in Deutschland zur Gefahr werden könnte. Die Hysterie, dass das Virus immer näher kommt, wuchs mit jüngsten Meldungen aus Griechenland: der dortige „Vogelgrippeausbruch“ wurde jedoch inzwischen wieder dementiert. Fehlalarm. Aber ausschließen möchte man trotzdem nichts. Der jüngste „Verdachtsfall“: ein totes Huhn in Baden-Würtemberg. Woran auch immer es gestorben ist. Sein Tod kommt auf jeden Fall wie gerufen und äußerst passend: Zeitgleich mit der Bekanntgabe der deutschlandweiten Stallpflicht für Geflügel.
Die Frage, ob wir vor einer Pandemie mit unzähligen an Vogelgrippe erkrankenden und sterbenden Menschen stehen, lässt sich spätestens beim Blick auf die Todesopfer in Asien nur mit „nein“ beantworten: an der Vogelgrippe sind zwischen 2003 und August 2005 etwa 100 Menschen erkrankt, 57 Menschen davon starben. Die „Aviäre Influenza“ ist also in erster Linie – wie der Name schon sagt – eine Erkrankung der Vögel, nicht der Menschen. Im Vergleich zu den an Vogelgrippe gestorbenen Menschen fordert eine normale menschliche Grippewelle jährlich mindestens 150.000 Todesopfer.

Weitaus höher sind die Opfer unter den Tieren, jedoch nur eine geringe Zahl von Vögeln starb an der Vogelgrippe selbst: Hunderttausende von gesunden Tieren wurden „vorsorglich“ getötet, um eine eventuelle Ansteckung und weitere Verbreitung zu verhindern. Jeder noch so vage Verdachtsfall löst Massentötungen von Geflügel aus, bis ganze Landstriche vogelfrei sind; in der Türkei ging man sogar soweit, dass „vorsorglich“ selbst streunende Hunde getötet wurden, was jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt.
Das Risiko einer weiteren Verbreitung der Vogelgrippe soll nun durch verschiedene Maßnahmen minimiert werden. Eine der Maßnahmen: ab dem 22.10. gilt in Deutschland eine generelle Stallpflicht für Geflügel, welche sich auf der Befürchtung begründet, Zugvögel aus Asien oder Russland können auf ihrer Reise das Vogelgrippevirus mitbringen. Würde ein infizierter Zugvogel, z.B. eine Gans über ein deutsches freilaufendes Huhn fliegen und darauf koten, bestünde die Möglichkeit der Übertragung.
Die Stallpflicht für Hühner, Gänse, Enten, Puten und anderes Geflügel ist umstritten, da die Wahrscheinlichkeit einer Infektion durch Zugvögel als sehr gering einzuschätzen ist: Zum einen bedingt durch die Flugrouten, zum anderen weil Wildvögel auf ihrem Zug Rastplätze wählen, die fernab menschlicher Zivilisation und somit auch fernab des Nutzgeflügels sind. Der Sinn der Stallpflicht, die vorerst bis Mitte Dezember gelten soll, bleibt vor diesem Hintergrund äußerst fraglich. Hier geht es nicht um den Schutz von Tieren, sondern in erster Linie um die Wahrung der Interessen der Geflügelindustrie, für die ein Auftreten von Vogelgrippe immense wirtschaftlichen Verluste bedeuten würde – bedingt durch die starke Konzentration der Geflügelhaltung. Ein Verdachtsfall von Vogelgrippe in einer Legebatterie kann den Tod von Hunderttausenden von Hühnern mit sich bringen, welche aus Seuchenschutzgründen ‚vernichtet’ werden würden.

Hobbygeflügelhalter, Bauern mit Freilandhaltungen und andere, die ihren Tieren ein Leben unter freiem Himmel gönnen, sind alles andere als begeistert über die Stallpflicht für ihre Tiere, die mancherorts kaum zu realisieren ist und zu immensen tierschutzrelevanten Problemen führt: massives Leiden der eingesperrten Tiere und letztendlich dadurch sicherlich eine hohe Zahl stressbedingter Todesfälle.
Die großen Geflügel- und Eierproduzenten jedoch dürften hoch erfreut sein über die staatlich verordnete Stallpflicht, entspricht die Stallhaltung doch als einzige ihrer Philosophie der „verbraucherfreundlichen“ und vor allem höchst wirtschaftlichen Tierhaltung. Sie sind froh über jedes Argument pro Tierquälerei in Form des Zusammenpferchens und hermetisch Abriegelns des Mast- und Zuchtgeflügels und der Legehennen. Wer Tiere einsperrt und quält, schützt sie und die Verbraucher vor Seuchen und der Vogelgrippe, dürfte ihr frohes und gewinnoptimierendes Fazit sein. Die „Schutzmaßnahme Stallpflicht“ sichert also in erster Linie die ideellen und finanziellen Interessen der Groß-Produzenten.

Die Vogelgrippe als Wirtschaftsfaktor: ein heraufbeschworenes Pandemierisiko und die derzeitige Endlosdiskussion um die Seuchengefahr der Aviären Influenza mit täglich neuen Schreckensmeldungen verhilft auch der Pharmaindustrie zur besten Werbung und unverhofftem Reichtum: der Grippemittelhersteller empfindet die Vogelgrippe sicherlich als Segen. Die Nachfrage nach Grippemedikamenten steigt täglich, die Länder der Welt bevorraten sich, noch beachtlicher steigen Umsatz und Börsenkurs des Pharmariesen. Erwähnt sei, dass dieses Medikament offenbar gar nicht gegen die Vogelgrippe und den H5N1-Virus schützt, sondern nur gegen „normale menschliche“ Grippeviren. Trotzdem wird er von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Mittel gegen die Vogelgrippe empfohlen. Wie die "Sunday Times of London" berichtete, beurteilt Dr. Nguyen Tuong Van vom Zentrum für Tropenkrankheiten in Hanoi das Grippemittel Tamiflu bei der Behandlung von Vogelgrippepatienten als nutzlos. Frau Dr. Van hatte auf einer Intensivstation 41 Vogelgrippepatienten nach den Leitlinien der WHO mit Tamiflu behandelt und nach eigenen Aussagen keinerlei Effekt bei einer Infektion mit dem H5N1 - Virus beim Menschen beobachten können.
Ein mögliches Horrorszenario, bei dem sich gefährliche Vogelgrippeviren mit menschlichen Viren vermischen und somit dann auch von Mensch zu Mensch übertragbar wären, wird zum Schreckgespenst und zum Motor des Medikamentenherstellers. Um den Kassenschlager Grippemittel „Tamiflu“ ist mittlerweile ein erbitterter Kampf entstanden, der Lizenzgeber Gilead und die Herstellerfirma Roche befinden sich im Rechtsstreit. Das Geschäft mit der Angst hat dem Medikamenten hersteller allein im ersten Halbjahr 2005 580 Millionen Schweizer Franken eingebracht – bis zum Ende des Jahres sollen es noch mindestens 300 Millionen mehr werden.
Neben der Stallpflicht für Geflügel, die viele unserer europäischen Nachbarn nicht für notwendig erachten, gibt es sinnvolle Maßnahmen gegen die Vogelgrippe: Einfuhrverbote für lebende und tote Tiere sowie alle aus Tieren hergestellten Produkte aus gefährdeten Gebieten sowie Schutzmaßnahmen für Reisende. Wer über einen russischen oder asiatischen Geflügelmarkt in gefährdetem Gebiet geht, sollte nicht am Tag darauf mit den selben Schuhen einen deutschen Hühnerstall betreten. Was die seltene Übertragung der H5N1-Virus von Vogel zu Mensch anbelangt, ist davon auszugehen, dass dies nicht allein durch „engen Kontakt“ geschieht, sondern vor allem durch den Verzehr von infizierten Tieren. Neben diesen Maßnahmen findet ein „Wildvogelmonitoring“ statt: wie sinnvoll und aussagekräftig es ist, aus Hunderttausenden von Zugvögeln einige Hundert herauszuschießen und auf Vogelgrippeviren zu untersuchen, sei dahingestellt.
Als mögliche Überträger spielen nur wilde Gänse und Enten aus gefährdeten Gebieten überhaupt eine Rolle, für viele Vogelarten wie z.B. Tauben ist H5N1 offensichtlich keine Gefahr, sie selbst scheiden damit auch als Überträger aus.

Um aus eventuellen Verdachtsfällen resultierende Massentötungen und das daraus resultierende wirtschaftliche Fiasko abzuwenden, hat der Bauernverband gefordert, Geflügel zukünftig gegen die Vogelgrippe impfen zu dürfen. Doch was sich im ersten Moment logisch und tierfreundlich anhört, ist noch reine Utopie. Gegen H5N1 ist zurzeit noch kein Kraut gewachsen: es gibt keinen wirklich passenden Impfstoff. Und wenn Impfstoff, dann müsste es außerdem noch einer sein, der es ermöglicht, geimpfte Tiere von infizierten Tieren zu unterscheiden, damit nicht aus Versehen infizierte Tiere zu Lebensmitteln verarbeitet werden, die wiederum hochinfektiös für Menschen sein könnten. Impfstoff ist Zukunftsmusik, an der Forscher momentan arbeiten. Einfacher als die Herstellung eines Impfstoffes wäre sicherlich, schlicht kein Geflügel und keine Eier mehr zu essen. Und ohne Geflügel keine Vogelgrippe. Fertig.
Tanja Günther
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